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Nov 26, 2020
Nov 26, 2020

acoR & Nash – Die Bürde der Superstars

Wer? Ich?

Ich bin besser als du dachtest, aber nicht so gut, wie du möchtest

Das Lob der Medien und das Dilemma der Superstars

Die Belastung des Namens

acoR & Nash – Die Bürde der Superstars

In seiner zweiten Kolumne für Pinnacle zieht Duncan „Thorin“ Shields Parallelen zwischen dem CS:GO-AWPer acoR sowie der NBA-Legende Steve Nash und beleuchtet dabei die Bürde der Superstars.

Frederik „acoR“ Gyldstrand war eine der Überraschungen des Jahres 2020 und hat sich scheinbar bereits einen Anspruch als einer der besten Sniper in Counter-Strike gesichert. Doch noch hat sich acoR nicht ganz den Status als Elite-Spieler erworben. Das lag wohl am ausbleibenden Erfolg seines Teams über das Jahr (abgesehen vom Sieg über das Tier-2-Feld bei Flashpoint 1) sowie daran, dass der Großteil des Wettbewerbs online stattfindet. Sein Augentest liefert zwar in den meisten Fällen positive Ergebnisse, doch der junge Däne schaltet im Spiel noch immer in den falschen Gang.

Der AWPer von MAD Lions steht zwischen den Kategorien „Star“ und „Superstar“ – bei Letzterem handelt es sich um Kräfte, die sogar andere Stars dominieren und sich durch ihre reine Anwesenheit auf ein Spiel auswirken. Das erinnert mich an den harten Kampf der Basketball-Legende Steve Nash von den Phoenix Suns, der danach strebte, die Meisterschaft zu gewinnen und dabei eine Formel zu perfektionieren, mit der er zu einem der besten Spieler im Sport hätte werden können.

MVPs der Medien allein machen noch keinen Superstar. Auf gleiche Weise reicht es nicht aus, der beste Spieler der MAD Lions zu sein, um in den exklusiven Club der Superstars aufgenommen zu werden, die dieses Spiel anführen.

Wer? Ich?

Steve Nash war es nicht vorbestimmt, ein NBA-Star zu werden. Er war ein guter Spieler, der ohne viel Trara in die NBA einzog und sofort im Schatten von Kevin Johnson stand, dem etablierten Point-Guard der Suns, sowie von Jason Kidd, einem Spieler im zweiten Jahr, der als heißer Tipp als einer der potenziellen Größen auf der Position gehandelt wurde. Im Kontrast dazu war Nash ein kanadischer Spieler, der es zwar in die Liga geschafft hatte, vielleicht aber als sog. „Journeyman“ von Team zu Team weitergereicht werden würde.

Erst als er zu den Dallas Mavericks wechselte, schaffte Nash es in die Startaufstellung und konnte seine Karriere richtig beginnen. Bei seiner Ankunft hatten die Mavericks soeben Dirk Nowitzki ins Team aufgenommen – einen Hünen aus Deutschland von über 2 Metern, mit Würfen die an Larry Bird erinnerten.

Der Spieler acoR begann seine Reise zum Tier-1 in Counter-Strike damit, für das North Academy Projekt zu spielen, ein Aufbauteam für das zu der Zeit zweitbeste Team aus Dänemark. In seiner Squad wurde er auf ähnliche Weise übersehen und in den Schatten gestellt, der explosive Daniel „mertz“ Mertz wurde zum primären Sniper des Teams, während acoR sich mit einem Gewehr zufrieden geben musste. Sogar Nicklas „gade“ Gade hinterließ seinen Fußabdruck im Tier-2, bevor acoR endlich wahrgenommen wurde.

Als acoR ein Teil von Tricked wurde, deren Kern inzwischen (mit einigen Änderungen) zu MAD Lions wurde, begann er sich als Sniper zu beweisen und seine Rolle zu etablieren, so wie Nash bei den Mavericks zum Startspieler als Point-Guard wurde.

Ich bin besser als du dachtest, aber nicht so gut, wie du möchtest

Bei den Mavericks dauerte es für Nash nur ein paar Saisons, bis seine Form es ihm endlich ermöglichte, zu einem der besseren Spieler in der Liga auf dieser Position zu werden. Mit einem Durchschnitt von 15,6 PPG und 7,3 APG in seiner fünften Saison als Profi erschien er als frisches Talent auf der Bildfläche. Da Nowitzki bereits als Star etabliert war (mit einem in der Liga überdurchschnittlichen Ergebnis von über 20 PPG), verstand Nash seine Rolle sehr gut und spielte dem Deutschen zu, wodurch sich eine starke Dynamik in dem Team ergab.

In MAD Lions machte acoR als Sniper seine Arbeit ... Wenn das Team gut spielte, konnte er glänzen, aber er nahm nicht gerade die Dinge in die Hand, wenn es einmal schwierig wurde.

In der Saison des Jahres 2001 schafften es die Mavericks ins Halbfinale der Western Conference, zu einer Zeit, als der Westen voll mit hochwertigen Teams war. Dort verloren sie gegen die Titelfavoriten San Antonio Spurs. Während Nowitzki zeigte, dass er der Herausforderung gewachsen war, hatte Nash hart zu kämpfen, sein Spiel nahm alarmierend ab und die Spurs gewannen in fünf Spielen.

In MAD Lions war acoR ein Sniper, der seinen Job machte und sich dabei an die Anweisungen des In-Game-Leaders (IGL) hielt, das festgelegte System nicht infrage stellte und in seiner Rolle blieb. Wenn das Team gut spielte, konnte er glänzen, aber er nahm nicht gerade die Dinge in die Hand, wenn es einmal schwierig wurde.

Diese Verantwortung ging an Bubzkji, dem erfahrensten Spieler mit Talent auf Star-Ebene. Er hatte scheinbar die Zielgenauigkeit und die nötige Präsenz, um ein Match zu drehen, wenn die Gegner auf den Sieg zusteuerten. Während acoR in den Playoffs von Flashpoint-1 in den Hintergrund trat, übernahm Bubzkji die Führung und war wohl der MVP seines Teams im Finale.

Meine Zeit, zu glänzen

Nach drei weiteren Saisons bei den Mavericks, wobei das Team es in der Zeit einmal in die Conference Finals schaffte, unterschrieb Nash bei den Suns und ließ Dirk in Dallas zurück. Ohne seinen All-Star-Teamkameraden und primären Scorer spielte Nash nun gute aber nicht ganz so offensichtlich starke Spieler an, wie Joe Johnson, Shawn Marion und den außergewöhnlich athletischen Amar'e Stoudemire. Nash passte also weiter den Ball und entwickelte sein eigenes Spiel nicht weiter, zumindest was seine individuellen Punktzahlen anging.

Trotz dem Erfolg des Teams bei Flashpoint-1 dauerte es keine vier Monate, bevor Bubzkji das Lineup der MAD Lions verließ. Damit wurde acoR die Position als einziger Spieler auf Star-Level im Team aufgezwungen. Obwohl er weiterhin (zumindest nach der Statistik) gut spielte, konnte er seinen Stand nicht deutlich ausbauen und blieb in seinem Rahmen. Er tauchte zwar seine Zehen in den „Pool der Superstars“, hatte aber Schwierigkeiten damit, zu „dem Mann“ im Team zu werden.

Das Lob der Medien und das Dilemma der Superstars

Auch wenn Nash viel Erfolg bei den Suns hatte – er schaffte es in vier weitere Conference Finals und gewann zwei Auszeichnungen als Most Valuable Player (MVP) – gewann er keine NBA Championship und erreichte auch nicht die Finals. Nash verfolgte das Up-Tempo-System von Coach D'Antoni wie ein Maestro, bei ihm ging alles darum, den Gegner mit seinen Würfen von außen zu bedrohen und Amar'e innen anzuspielen. Die Wurfgenauigkeit leidet häufig, wenn die Spieler in den Play-Offs unter hohem Druck stehen, weshalb es die Leistungen von Amar'e waren, welche die Suns beinahe zum Erfolg führten.

Nach der Ankunft von Nash bei den Suns hatten sich „Punkte pro Spiel“ und „Treffer-Prozentzahl“ von Amar'e deutlich verbessert. Nash hatte also in dieser Hinsicht seinen Job gemacht, und der Welleneffekt des Kanadiers auf die Leistungen seines ganzen Teams in der regulären Saison führten zu einem Feel-Good-Faktor, der ihm Auszeichnungen als MVP von den Medien einbrachte. Rückblickend kann ich nur spekulieren, dass er sich stärker als offensiver Star neben Amar'e hätte positionieren sollen. Mit dieser Formel hätte er wohl eher eine „Larry O'Brien“-Trophäe ergattert, als Pässe an Spieler zu werfen, welche die Geschichte letztendlich vergessen wird.

Obwohl er nur etwa 12 Würfe pro Spiel in seiner Zeit bei den Suns versuchte, gehört Nash zu den besten Werfern in der Geschichte der NBA. Er gehört regelmäßig dem „50/40/90“-Club an – mit Spielern, die mindestens 50 % der Würfe vom Feld, 40 % von der Drei-Punkte-Linie und 90 % von der Freiwurf-Linie treffen. Seine nach oben skalierten Würfe von heute legen nahe, dass Nash seine Wurfgenauigkeit weiter hätte verbessern können, um auf ähnlich effiziente Zahlen zu kommen und eine größere individuelle Bedrohung für den Gegner darzustellen. Seine Mentalität hielt ihn jedoch davon ab, diesen Ansatz zu verfolgen.

Gleichermaßen hat acoR alle Skills in seinem Arsenal, um in Counter-Strike zu einem dominanten AWPer zu werden. Seine Schussgeschwindigkeit ist beeindruckend und ergänzt hervorragend seine konsistente Zielgenauigkeit. Er versteht, seine Gegner auf T-Seite zu peeken und auf CT-Seite die richtigen Schusswinkel zu halten. Sogar für seine Bewegungen wird er gelobt, er ist nicht nur mit dem Zielfernrohr talentiert sondern positioniert sich auch richtig vor dem Schuss. Hätte er die Mentalität eines kennyS oder GuardiaN – den legendärsten Snipern des Spiels – wäre dieser Artikel nie geschrieben worden, und die MAD Lions wären ein sogar noch stärkeres Team.

Man kann zu selbstlos sein

Nash war ein Throwback-Point-Guard im Stil von Magic Johnson oder John Stockton: Er konzentrierte sich auf Pässe und sorgte dafür, dass seine Teamkameraden Würfe versuchen konnten, bevor er an seine eigenen Würfe dachte. Magic und Stockton spielten allerdings mit zwei der besten Scorer (nach Gesamtzahl der Punkte) in der Geschichte der NBA. Magic begann später in seiner Karriere damit, seine Präsenz auszubauen, doch eine Verletzung beendete diese Verwandlung frühzeitig. Stockton hätte als starker Werfer auf mehr mittlere Entfernung wohl mehr werfen sollen. Wie auch Nash später, spielte er guten (aber eben nicht großartigen) Spielern zu viele Pässe zu, die dann ihren Wurf verfehlten.

Um ein Superstar zu werden, muss man den richtigen Moment kennen, um selbstsüchtig zu sein. Manchmal muss man den Ball behalten und damit selbst Punkten, wenn gute aber nicht großartige Spieler dem Moment nicht gewachsen sind. Nash war in dieser Hinsicht zu oft ein „guter Kerl“.

Er hätte sich zum Beispiel an Isiah Thomas orientieren können. Aufgewachsen auf den rauen Spielplätzen von Chicago, hatte Thomas zwar gute Scorer in seinem Team, doch er erkannte, wenn er bei Bedarf selber zur primären Bedrohung für den Gegner werden musste. Er war mehr als nur willens, das Spiel in die Hand zu nehmen, und führte auf einem verstauchten Knöchel humpelnd mit seiner starken Mentalität beinahe die Pistons zu einem Sieg über die Lakers, der wahrhaft legendär gewesen wäre. Mit seinen drei Würfen mehr als Nash in jedem Spiel und den zwei Ringen der NBA-Championship an den Fingern wird er sich niemals fragen: „Was wäre gewesen, hätte ich diesen Wurf gewagt?“

Jetzt da Bubzjki das Team verlassen hat (und noch nicht von einem äquivalenten Star-Spieler ersetzt wurde) ist es Zeit für acoR, das Folgende zu erkennen: Seine Skills (wie die Würfe von Nash) schreien förmlich danach, dass er mehr Ressourcen für sich beansprucht und mehr aus sich macht. Im Augenblick bleibt er so wie Nash zu sehr in seiner Komfort-Zone; er spielt zwar effizient, doch bei individuellen Matches geht es nicht darum, effizient zu sein.

Der Däne könnte sich den Sniper Daniel „dev1ce“ Reedtz zum Vorbild nehmen – Gewinner der meisten MVP-Auszeichnungen in der Geschichte von CS:GO. Ein Spieler, der zwar konservativ und im System von Astralis spielt, aber bei Bedarf auch die volle Kontrolle über seine Positionierung und das Spiel übernehmen kann, um auf den Stil zurückzugreifen, der ihn im Jahr 2016 zu einem dominanten individuellen Sniper-Star gemacht hat.

Ein gutes Spiel von MAD Lions sollte ein großartiges Spiel für acoR sein. Und in einem mittelmäßigen oder schlechten Spiel der MAD Lions muss der vormalige AWPer von Tricked mehr Präsenz zeigen und den Sieg erzwingen. Anstatt mit dem Schiff unterzugehen, muss er die richtige Zeit erkennen, das Rettungsboot zu Wasser zu lassen und seine Teamkameraden zu retten.

Die Belastung des Namens

So viele Spieler in Team-Sportarten werden niemals zu Superstars, indem sie individuell die Führung im Spiel übernehmen, da so viel Augenmerk auf Teamwork gelegt wird sowie darauf, selbstlos zu sein. (So werden den Gewohnheiten von Spielern entgegengewirkt, die früher in ihrer Karriere einmal Stars in kleineren Teams waren.) Diese Programmierung geht aber manchmal zu weit, wenn sie Spieler erreicht, die bereits ein ruhigeres Mindset haben und bei ihren Team-Kameraden beliebt sein möchten.

Um ein Superstar zu werden, müssen Spieler die Momente erkennen, in denen sie zu Handlungen fähig sind, die für ihre Team-Kameraden unmöglich sind. Sie müssen einen Wurf machen, den andere verfehlen würden, und dies öfter erzwingen. Das ist die Verantwortung eines Superstars, und damit auch der Grund, warum sie so oft die Schuld an Niederlagen des Teams erhalten, und so viel Lob für Siege einstreichen.

Nash war für sein Dribbeln und seine Fähigkeit bekannt, anspielbare Team-Kameraden zu sehen. Deshalb haben ihn die gegnerischen Verteidiger immer im Auge behalten und erwartet, dass er einen Pass wirft. Hätte er danach Ausschau gehalten, hätten sich ihm so viele Chancen geboten, einen Wurf aus dem Mittelfeld zu landen oder vor dem Eindringen einen Drei-Punkte-Wurf zu versuchen.

In gleicher Weise fügen sich Positionierung und Aggression von acoR dermaßen in den Stil seines Teams ein, dass er dadurch berechenbar wird, und seine Gegner vorhersehen können, welche Schüsse er landen möchte. Auf dieser Grundlage könnte er aggressiver spielen und das Spiel öfter in die Hand nehmen, mehr Druck auf der Karte erzeugen und Gegner so dazu zwingen, sich für ihn alleine neue Reaktionen auszudenken.

Ich habe oft versucht, dem zuvor erwähnten Sniper von Astralis einen wichtigen Gedanken einzubleuen: Er hatte zwar talentierte Team-Kameraden, aber sie waren nicht so fähig wie er; es würde große Momente geben, in denen ihm selbst die Verantwortung zufällt, und er darf sie nicht an weniger fähige Team-Mitglieder abgeben. Diese Bürde lastet schwer auf den Schultern, aber die Stärksten von uns müssen sie tragen.

Woher würde man ohne Ego wissen, wem beim Abendessen die größte Portion zusteht? Der weise Terence McKenna sagte einmal: „Es geht nicht darum, ein zu großes Ego zu haben, sondern ein Ego, dass groß genug ist, um den Job zu erledigen.“

Es ist an der Zeit, dass acoR sein Ego ausbaut. Er fühlt sich vielleicht unwohl dabei, Forderungen zu stellen und Spielzüge zu erzwingen, wenn er sonst das Spiel eher auf sich zukommen lässt. Aber Champions können sich eben nicht nur wohl fühlen. Michael Jordan sagte einst: „There's no 'I' in team but there is in win.“ – Es gibt kein „i(ch)“ in „Team“, aber in „Sieg“. Was wird acoR tun, wenn er das Spiel nur selbst gewinnen kann? Diesen Test muss er nun bestehen.

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Der Autor

Duncan Shields

Duncan „Thorin“ Shields ist der E-Sports-Historiker und hat seit 2001 in der Branche bereits an Spielen wie Counter-Strike, League of Legends und StarCraft mitgewirkt. Bei einer neuen Kolumne von Pinnacle kannst du jetzt vom umfassenden Fachwissen des renommierten Journalisten und Studio-Analysten Thorin profitieren.

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