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Apr 23, 2021
Apr 23, 2021

Spieler vs. Coach – Das Erfolgsrezept von „Faker“ und Brady

„Fakers“ Höhenflug

Bradys Entwicklung

„kkOmas“ fast unmerkliche Wirkung

Belichicks defensive Dominanz

Spieler vs. Coach – Das Erfolgsrezept von „Faker“ und Brady

In seinem aktuellen Artikel für Pinnacle blickt der E-Sport-Historiker Duncan „Thorin“ Shields auf die Beziehung von Coach und Spieler und vergleicht den legendären LoL-Spieler „Faker“ und seinen Coach „kkOma“ mit der Quarterback-Legende Tom Brady und seinem langjährigen Coach Bill Belichick.

Die meiste Fans und Experten würden zustimmen, dass der Mid-Laner Lee „Faker“ Sang-hyeok und der Quarterback Tom Brady die Greatest of All-Time (GOAT), also die besten in Ihrer Sportart, sind, in diesem Fall League of Legends bzw. American Football. Und dank Ihres persönlichen Erfolges geht damit eine ähnliche Einschätzung für Ihre Teams einher. Aber im Mannschaftssport gewinnt niemand alleine.

Die beiden haben in ihrer Disziplin nicht nur die meisten Weltmeistertitel (oder Super Bowls) gesammelt, sie werden auch mit den jeweiligen überaus erfolgreichen Coaches assoziiert, Kim „kkOma“ Jeong-gyun und Bill Belichick, was ihre Titelsammlungen auf höchster Ebene betrifft. Von den zehn Titeln der beiden Spieler, wurde tatsächlich nur einer (Bradys jüngster Triumph) ohne die besagten Coaches gewonnen.

Während Brady nun einen mehr hat als Bill Belichick, ist bei „Faker“ das Gegenteil der Fall: Sein Excoach „kkOma” coacht nun das Team, das einige für den Favoriten auf den nächsten Weltmeistertitel halten – DAMWON – und das noch mit dem Kern des letztjährigen Weltmeisterteams antritt.

Wenn “kkOma” die Führung in Sachen WM-Titel erringen kann, wird es sicher zu Fragen wie „Wer hat wem den Erfolg zu verdanken?“ aufkommen und wie wichtig „Faker“ und „kkOma“ für die Karriere des jeweils anderen waren. Das war folglich auch Thema, als Brady seinen alten Coach überholte, was viele Beobachter zu drastischen Schlussfolgerungen für die Geschichte des American Football verleitete.

„Fakers“ Höhenflug

Von den beiden Sportlern ist „Faker“ möglicherweise der bessere Spieler, was seine Leistung im individuellen Vergleich mit Spielern auf seiner Position angeht. Trotz der Gesamtkarrieren von Spielern wie „Rookie“ (Invictus Gaming) und „Uzi“ (RNG) halten nur wenige diese für besser als „Faker“ über seine gesamte Karriere hinweg gesehen (auch wenn da viele interessante Faktoren mit reinspielen). Nein, „Faker“ hat den Sport als bester Spieler fast seine gesamte Karriere über dominiert. Streng genommen war er wohl nur ein Jahr lang der ganz klar beste Spieler (2013) und hatte zeitweise Perioden, in denen er ähnliche Leistung brachte (2015 kommt einem in den Sinn).

Selbst als der Top-Laner Jang „MaRin“ Gyeong-hwan in der vo ihm dominierten WM 2015, bei der „Faker“ seinen zweiten WM-Zitel errang, zum MVP gekrönt wurde, hoben viele „Fakers“ einzigartigen Einsatz vom Champion Ryze hervor – mit dem er eine Bilanz von 5:0 in einem Turnier vorweisen konnte, in dem er von anderen kaum ausgewählt und mit ihm gewiss nichts gewonnen wurde – sowie seinen Hochdruck-Spielstil (unabhängig genug, um ohne einen Jungler auszukommen), durch den T1 praktisch unschlagbar wirkte.

Der Erfolg bei der World Championship 2016 schien jedoch eher auf der Teamleistung zu basieren, und die Entscheidungen des Coaches  – etwa die Rotation der erfahrenen und weniger erfahrenen Jungler – spielten eine Schlüsselrolle.

Bradys Entwicklung

Tom Brady hat weniger MVP-Titel der regulären Saison gewonnen, als Außenstehende möglicherweise annehmen würden, speziell im Vergleich zu seinem Hauptrivalen Peyton Manning, der fünf dieser MVP-Titel holte. Auch wurde er nicht so häufig ins erste All-Pro-Team der NFL berufen, und auch hier liegt er hinter besagtem Widersacher. Andere Spieler, die nicht Tom Brady heißen, kommen durchaus in Betracht, aber die Anzahl der NFL-Titelringe bringt die meisten Analysten dazu, Brady höher einzuschätzen.

Trotz seines Rufes war Brady auch nicht der dominante Spieler in all seinen NFL-Playoff-Serien. In jungen Jahren sammelte er drei Super-Bowl-Titel in vier Jahren, indem er vor allem als Spielmanager fungierte – also als Quarterback, der möglichst wenige Fehler begeht und so seinen Mitspielern dazu verhilft, das Spiel zu gewinnen.

In jungen Jahren sammelte er drei Super-Bowl-Titel in vier Jahren, indem er vor allem als Spielmanager fungierte – also als Quarterback, der möglichst wenige Fehler begeht und so seinen Mitspielern dazu verhilft, das Spiel zu gewinnen.

Das könnte man als eine zu sehr reduzierte Interpretation werten, da genau dies ja die Beschreibung der Quarterback-Rolle in der NFL ist, es sei denn ein Quarterback ist ein hervorragender Werfer bzw. muss riskante Bälle auf schwächere Mitspieler werfen, um seinem Team die Chance auf Siege zu erhalten. Wie dem auch sei, der Brady, an den viele heute denken, wurde quasi erst nach seinen ersten drei Super-Bowl-Titeln geboren. Nach der Verpflichtung von starken Offensivspielern zu der bereits starken Defensive wurde Brady Liga-MVP und zu einem Spieler, dessen Touchdowns sein Team auf die Siegerstraße brachten.

Im Herbst seiner Karriere, also über die vergangenen zehn Jahre, hatte er in manchen gewonnenen Super Bowls sogar defensive Schlüsselaktionen, aber letztendlich waren es seine Punkte, die erheblich zu den Triumphen beitrugen, zum Beispiel über die Seahawks und die Falcons. Bei der Interpretation von Tom Bradys Karriere kommt erschwerend hinzu, dass viele Beobachter ihm in seinen jungen Jahren die Fähigkeiten absprachen, die seine überzeugtesten Fürsprecher ihm schon immer zugesprochen hatten.

„kkOmas“ fast unmerkliche Wirkung

Während „Faker“ viele World Championships als Star im Team von T1 gewann, setzte „kkOma“ Spieler wie „Bang“, „Wolf“, „Huni“ und „Blank“ zu einer Zeit ein, als wenige diesen das nötige Kaliber für WM-Titel zugerechnet hätten. An der Seite von „Faker“ gespielt zu haben, war sicherlich von Vorteil (was der Mangel an ebenbürtigen Championship-Siegen dieser Spieler ohne „Faker“ nahelegt), aber ihr Coach war es, der diese Spieler eingesetzt, in die Startformation berufen und ihnen den legendären Spielstil des Teams eingeimpft hatte, der Angriffe aus dem Hinterhalt und Visionskontrolle favorisiert.

„kkOmas“ Jungling-Strategie (der Einsatz des erfahrenen aber mechanisch zweifelhaften ehemaligen Starters „Bengi“ in wichtigen Serien an Stelle von „Blank“, einem talentierten aber gelegentlich unzuverlässigen Rookie) gewann T1 eine Reihe Serien, die das Teams sonst möglicherweise verloren hätte. „Faker“ machte einige dieser weniger großen Namen besser, insbesondere die Junglers, doch es wäre fahrlässig, „kkOmas“ Einfluss in dieser Hinsicht abzustreiten.

Belichicks defensive Dominanz

Ein für Brady-Fans schwierig zu analysierender Aspekt scheint die Defensive zu sein. Im Gegensatz zu League of Legends, wo jeder Spieler die gesamte Spieldauer absolviert, steht Brady im American Football nur in der Offensivformation. Dem Klischee nach „gewinnt die Defense Meisterschaften“ – und da muss Brady dann wie wir alle das Geschehen von außen betrachten. Dasselbe gilt für den Einsatz von Special Teams, deren spezialisierte Spieler oft übersehen werden, jedoch nicht selten die Weichen auf Sieg stellen.

Defensiv sind die New England Patriots eines der besten NFL-Teams aller Zeiten und gewannen alle sechs Super Bowls mit einer Defensive, die in Schlüsselkriterien unter den Top 10 der Liga zu finden und oft zu den besten Abwehrreihen der gesamten NFL gehörte. So konnte Brady mit seiner Offense häufig aus einer besseren Feldposition heraus starten als andere Quarterback-Kontrahenten wie Manning, Rodgers und Brees, manchmal in erstaunlichem Maße. Diese Verteidigungen trugen auch zur Annullierung der besagten Rivalen bei, während die gegnerischen Teams oft über schwächere Abwehrreihen verfügten, gegen die Brady leichter Punkten konnte.

Viele vergessen dabei, dass Belichick in den späten 1980ern selbst zwei Meisterschaften als Defensive Coordinator der New York Giants gewinnen konnte. Seine Stärke in diesem Bereich basiert also auf mehr als nur einem starken Quarterback in seiner Offensivformation.

Das ist entscheidend dafür, nicht nur die Vorteile zu verstehen, die Brady durch sein Team (und seinen Coach) genoss, sondern auch, wie seine Quarterback-Rivale es in direkten Aufeinandertreffen schwerer hatten. Belichick konnte mit einer Offense um Brady einen Super Bowl gewinnen, bei dem seinem Team nur 13 Punkte gelangen, so erdrückend waren seine Defensivstrategien, und all das in einer Ära von anscheinend unbegrenzter Offense (nach den Regeländerungen in den 2000er Jahren, die die Defense beeinträchtigten).

Viele vergessen dabei, dass Belichick in den späten 1980ern selbst zwei Meisterschaften als Defensive Coordinator der New York Giants gewinnen konnte. Seine Stärke in diesem Bereich basiert also auf mehr als nur einem starken Quarterback in seiner Offensivformation.

Selbst in einigen der Super Bowls, die Brady mit brillanten Offensivsequenzen bereicherte, etwa die Triumphe über die Seahawks und die Falcons, waren defensive Schlüsselmomente gegen Ende dieser Spiele ausschlaggebend für den Erfolg.

Hilfe an ihrer Seite

“kkOma” und Belichick stellten ihren Stars in deren Karriereverlauf zudem hervorragende Mitspieler an die Seite. „Faker“ hätte weitaus weniger nationale Titel gewonnen, hätte er nicht mit Spielern wie „Duke“, „Teddy, „Mata“ und „Peanut“ gespielt. Ganz ähnlich darf man bei den Überlegungen zu Bradys Karriere auch nicht Superstars wie Randy Moss, Rob Gronkowski und Wes Welker vergessen – auch wenn dieser keinen Super-Bowl-Ring gewann, als er mit den beiden zusammenspielte.

Während Brady weniger große Namen für seinen Erfolg auf höchsten Niveau nutzen konnte, vergleichbar mit einigen Siegen von „Faker“, hatte Belichick großen Anteil daran, diesen Spielern die Einzigartigkeit des „Patriot Way“ zu vermitteln und sie dazu bringen, „ihren Job zu erledigen“., In diesem Zusammenhang soltle die Rolle von Bradys Kickern erwähnt werden.

Während ihrer Zeit bei den Patriots haben sich Adam Vinatieri und Stephen Gostkowski als zwei der besten Kicker der Liga und aller Zeiten etabliert. Mit dieser Kicker-Power, die über knapp zwei Jahrzehnte bestand hatte, konnte Brady einige enge Spiele gewinnen. Belichick nannte Vinatieri nach dem ersten Super-Bowl-Triumph sogar den besten Spieler des Teams.

Zudem ist Belichick kein normaler Head Coach, sondern fungiert seit Jahren auch als General Manager und kann im Gegensatz zu vielen anderen Coaches seinen enormen Einfluss auf die Kaderzusammenstellung geltend machen.

Wie viel sagt die Übernahme der Führung aus?

Während Bradys jüngster Super-Bowl-Erfolg mit den Buccaneers wohl entscheiden wird, ob er oder Belichick mit den Patriots am Karriereende der beiden die Nase vorn haben wird, ist die Angelegenheit viel weniger einfach, als sie zunächst scheint. Brady schloss sich einem Team an, das über keine Erfolgstradition verfügte, jedoch einen der stärksten Kader der NFL aufbot, die zukünftigen Hall of Famer Gronk und braun an Bord holte und in den Playoffs gegen alle Gegner phänomenale Defensivleistungen bot. Das Ausschalten von Mahomes im Super Bowl stahl da allein schon die Show.

Unterdessen spielten einige der Patriots-Spieler die Saison aus persönlichen Gründen nicht zu Ende und die Franchise verpflichtete keinen renommierten Quarterback als Bradys Nachfolger. So bleibt die Belichik-Seite der Gleichung in der Ära nach Brady bisher weiterhin ein Rätsel.

Bei LoL gehen die Siege hin und her. Auf nationaler Ebene hat „Faker“ drei Titel mehr ohne „kkOma“ gewonnen als mit ihm, aber keine World Championship. „kkOma“ konnte erst vor Kurzem seinen ersten Titel ohne „Faker“ gewinnen. Und es wird noch komplizierter: „kkOma“ coacht das beste koreanische Team (DAMWON), das bereits vor seiner Ankunft Weltmeister war und einige der besten Spieler der Welt im Kader hat. Momentan ist „kkOma“ drauf und dran, die Führung in Sachen Weltmeistertitel zu übernehmen, jedoch nicht basierend auf einem Einfluss wie er ihn auf T1 hatte, was das Gegenteil zu Bradys Erfolg mit den Buccaneers darstellt (der eine seiner schlechtesten Saisons auf dem Weg zu einem Titel war).

Das Gleichgewicht der Macht

Zunächst habe ich mich gefragt, ob „kkOma” auf dem Weg zum Erfolg einfach nur Glück gehabt hat, auf den besten Einzelspieler aller Zeiten zu treffen. Nach den vielen neuen Erscheinungsformen von T1 seitdem und der Unfähigkeit ähnlich erfolgreicher Coaches, „Faker“ zu mehr als nationalen Titeln zu führen, legt nahe, dass er zu Recht einen Anspruch auf den Titel des Besten hat.

Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich sagen, dass „Faker“ ein besserer Spieler war, als „kkOma” als Coach war, ihre Partnerschaft aber eine sehr fruchtbare war und zu Recht als Beispiel für Erfolg gilt, der auf Gegenseitigkeit beruht.

Was die NFL-Seite der Gleichung betrifft, setze ich mich Kontroversen aus, wenn ich sage, dass für mich Belichik derjenige in dieser unglaublich erfolgreichen Partnerschaft mit Brady war, der mehr Einfluss auf den anderen hatte. Seine Kaderkontrolle und seine Arbeit an der Abwehrreihe waren für die Super-Bowl-Triumphe unverzichtbar. Davon abgesehen haben die beiden so viel gewonnen, dass es unwahrscheinlich ist, dass Belichik mit einem anderen Quarterback an Bradys Stelle noch mehr Super Bowls gewonnen hätte – nicht zuletzt, weil viele der Super-Bowl-Siege der Patriots in so engen Spielen entschieden wurden, dass das Duo Brady/Belichick leicht eher weniger hätte gewinnen können.

Beide Spieler hatten ihre Zeit als Beste ihres Sports, gelten für enge Spiele auf höchstem Niveau als Richtwert und konnten ihr enormes Potenzial voll ausschöpfen. Ohne ihre Coaches hätte sie jeweils aber weniger Titel errungen. Dies ist meine Vermutung, und ich denke, dass sie noch mehr auf Brady zutrifft als auf „Faker“.

Dessen ungeachtet glaube ich auch, dass alle vier Anspruch auf den Titel des GOAT in ihrer jeweiligen Rolle haben.

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Der Autor

Duncan Shields

Duncan „Thorin“ Shields ist der E-Sports-Historiker und hat seit 2001 in der Branche bereits an Spielen wie Counter-Strike, League of Legends und StarCraft mitgewirkt. Bei einer neuen Kolumne von Pinnacle kannst du jetzt vom umfassenden Fachwissen des renommierten Journalisten und Studio-Analysten Thorin profitieren.

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