Jul 5, 2019
Jul 5, 2019

Teil eins: Positionieren sich Buchmacher auf dem Point-Spread-Markt?

Teil eins: Positionieren sich Buchmacher auf dem Point-Spread-Markt?

Der Point-Spread-Markt ist einer der beliebtesten Wettmärkte bei Wettenden. Wenngleich dieser Markt dafür bestimmt ist, ausgeglichene Voraussetzungen für beide Teams zu schaffen, könnte der Buchmacher diesen Ausgleich geringer gestalten, als wir glauben sollen. Teil eins: Positionieren sich Buchmacher auf den Point-Spread-Märkten? Lesen Sie weiter, um mehr zu erfahren.

2005 veröffentlichte Steven Levitt (Ökonom und Mitautor des Buches Freakonomics) eine maßgebliche Abhandlung, in der die anerkannte Ansicht hinterfragt wird, dass die Sportwettenmärkte effizient sind, die beteiligten Wettenden über kollektive Erfahrung verfügen und die Buchmacher eine Provision erwirtschaften, indem sie einen Ausgleich schaffen.

Vielmehr, so argumentierte Levitt, würden die Buchmacher stattdessen Risikopositionen bezüglich der Spielergebnisse einnehmen, indem sie Quoten ausgeben, die basierend auf einer nachträglichen Ergebnisanalyse nach Berücksichtigung ihrer Marge von den tatsächlichen Quoten oder dem Marktgleichgewicht abweichen. Dies geschieht, um höhere Profite zu erwirtschaften, indem die Voreingenommenheit derjenigen Wettenden systematsich ausgenutzt wird, die bei der Vorhersage von Spielergebnissen weniger erfahren sind als sie selbst und vermutlich weniger rational agieren.

Levitt kam offenbar durch zwei signifikante Beobachtungen zu dieser Schlussfolgerung. Erstens gelang es in den 21 NFL-Saisons zwischen 1980 und 2001 lediglich 48,2 % der Favoriten, den Spread abzudecken (das negative Punkte-Handicap, das auf den Favoriten angewendet wird, um die Quoten für beide Teams auszugleichen. Zweitens wurden im Rahmen eines NFL-Wettbewerbs mit 285 Teilnehmern 60,6 % der insgesamt 19.770 Wetten auf 242 Spiele auf den Favoriten abgeschlossen. Wenn eine solche Überbewertung von Favoriten in einer realen Marktumgebung typisch wäre, wären diese zwei Werte nicht vereinbar mit der traditionellen Rolle eines passiven Market-Makers. 

Mehrere Einwände sollten berücksichtigt werden. Erstens war die Anzahl der Spieler in Levitts Stichprobe gering. Zweitens handelten die Spieler im Rahmen eines Wettbewerbs und nicht in einer realen Marktsituation. Folglich und drittens wissen wir nichts über den Umfang sowie das Verhältnis der eingesetzten Geldbeträge, und es ist wenig überraschend, dass Buchmacher diese Daten niemals preisgeben. Der Wert von 60,6 % wurde auf die Anzahl der Wetten angewendet, nicht auf das Gesamtvolumen, jedoch korrelieren diese beiden Kennzahlen nicht notwendigerweise miteinander. Und letztlich beschränkte Levitt seine Analyse auf lediglich einen Markt.

In diesem Artikel möchte ich sie jedoch auf einen weiteren Markt ausdehnen, den NBA Point Spread, um zu untersuchen, ob Buchmacher sich tatsächlich positionieren. Ist dies der Fall, so hat es Konsequenzen für die Markteffizienzhypothese, dass die Quoten eine zuverlässige Widerspiegelung der tatsächlichen Ergebniswahrscheinlichkeiten darstellen. Im zweiten Teil werde ich untersuchen, ob Levitts Schlussfolgerungen durch einen Nachweis aus dem NBA Spread-Markt gestützt werden. Im ersten Teil jedoch werde ich untersuchen, woran ein sich positionierender Buchmacher tatsächlich zu erkennen ist.

Ein kleines Gedankenexperiment

Stellen Sie sich einen einfachen Zweiwege-Wettbewerb vor, in dem die tatsächlichen Gewinnwahrscheinlichkeit für Team A und Team B jeweils 50 % beträgt. Die faire Quote für beide Teams in diesem Buch läge bei 2,00. Nehmen wir nun an, der Buchmacher berechnet eine gleichmäßig verteilte Marge von 2,5 % und bietet somit jeweils eine Quote von 1,95 an. In jedem dieser Wettbewerbe setzen 100 Wettende jeweils 1 $ auf Team A oder B. Nehmen wir nun an, es gäbe 100 solcher Wettbewerbe mit einer Gesamtrendite für die Wettenden in Höhe von 10.000 $. Welche Profite kann der Buchmacher entweder anteilig für die Wetten auf Team A und B oder die variierende Häufigkeit erwarten, mit der diese Teams gewinnen?

Ausgleichende Handlung 

Beginnen wir mit dem simpelsten Fall, dem passiven Buchmacher, der versucht, das Geld zwischen den Teams A und B egalisieren. Wenn Team A und Team B jeweils 50 % der Begegnungen gewinnen, erhält der Buchmacher 125 $ für die Wetten auf Team A und 125 $ für die Wetten auf Team B mit einem Gesamtprofit von 250 $ oder 2,5 % der Rendite für die Wettenden, womit seine Marge perfekt widergespiegelt wäre.

Simmons und Nelson stellten fest, dass auch dann, wenn sie den Teilnehmern mitteilten, dass der Spread zu Ungunsten des Favoriten manipuliert wurde, viele von ihnen weiterhin daran glaubten, dass dieser den Spread abdecken würde.

Was geschieht, wenn Team A seltener oder häufiger gewinnt als Team B? Betrachten wir als Extrembeispiel den Fall, das Team A keinerlei Siege erzielt. Der Buchmacher erhält die gesamten 5.000 $ an Einsätzen für Wetten auf dieses Team, ohne jegliche Auszahlungen an die auf Team A Wettenden vornehmen zu müssen. Andererseits gewinnen sämtliche Wetten auf Team B. Bei einer Quote von 1,95 muss der Buchmacher 4.750 $ an Gewinnen an diese Wettenden auszahlen. Somit läge der Netto-Buchgewinn noch immer bei 250 $.

Dies gilt unabhängig davon, wie häufig Team A oder Team B gewinnt. Gewinnt Team A beispielsweise 70 % der Begegnungen, muss der Buchmacher jeweils 3.325 $ und 1.425 $ an Gewinnen für Wetten auf Team A und B auszahlen. Gleichzeitig nimmt er 1.500 $ sowie 3.500 $ durch die jeweils verlorenen Wetten ein. Der Netto-Buchgewinn liegt weiterhin bei 250 $.

Während die präzise Verteilung der Gewinne und Verluste für den Buchmacher aus den Wetten auf Team A oder B variiert, entspricht die Nettorendite für das Anbieten eines Buches mit ausgeglichenen Geldbeträgen stets der Buchmacher-Marge. Es ist daher nicht überraschend, dass die Hypothese vom ausgleichenden Buchmacher so populär ist. 

Die Auswirkungen durch voreingenommene Wettende

Nehmen wir nun an, dass die Wettenden ihre Wetten nicht gleichmäßig auf Team A und B verteilen. Was geschieht mit der Rendite des Buchmachers? Vorausgesetzt, Team A und Team B gewinnen jeweils zu 50 %, bleibt diese unverändert: 250 $ oder 2,5 %. Angenommen, niemand wettet auf Team A. 

In dem obigen Szenario, in dem Team B 50 % der Begegnungen gewinnt, generieren die verlorenen Wetten Einnahmen in Höhe von 5.000 $ für den Buchmacher, während er für die gewonnenen Wetten 4.750 $ auszahlen muss. Der Netto-Buchgewinn beträgt 250 $. Angenommen, 80 % der Wettenden setzen auf Team A. Nun zahlt der Buchmacher jeweils 3.800 $ sowie 950 $ für Team A und B aus, erhält im Gegenzug jedoch 4.000 $ sowie 1.000 $. Der Netto-Buchgewinn beträgt weiterhin 250 $.

Es ist leicht erkennbar, warum ein Buchmacher klare Linien definieren möchte. Vorausgesetzt, dass sie die tatsächlichen Ergebniswahrscheinlichkeiten zuverlässig widerspiegeln, ist es nicht wirklich von Belang, wie stark die auf Präferenzen der Wettenden für Team A oder Team B auf Voreingenommenheit basieren.

Positionierung 

Interessanter wird es, wenn sowohl die Gewinnverteilung als auch der Umfang der Wetten vom Gleichgewicht mit einer Verteilung von 50:50 abweichen. Nehmen wir basierend auf Levitts Erkenntnissen nun an, dass 60 % der Wettenden auf Team A setzen, dieses jedoch lediglich 48 % der Begegnungen gewinnt. 

In diesem Fall zahlt der Buchmacher 2.736 $ sowie 1.976 $ für die jeweils gewonnenen Wetten auf Team A und B aus und erhält 3.120 $ sowie 1.920 $ an verlorenen Einsätzen. Wenngleich die Nettorendite für Team B einen Verlust in Höhe von 56 $ bedeutet, wird dieser mehr als ausgeglichen durch die größere Differenz zwischen den Gewinnen und Verlusten für die Wetten auf Team A (384 $). Nun beträgt der Netto-Buchgewinn 328 $ oder anteilig 3,28 % der durch die Wettenden generierten Rendite. 

In diesem Szenario kann der Buchmacher aufgrund der auf Voreingenommenheit basierenden Gewichtung der Wetteinsätze für Team A eine bessere Rendite erzielen, wenn Team A weniger als 50 % der Begegnungen gewinnt. In diesem Gedankenexperiment hat unser Buchmacher Glück, da wir die tatsächliche Ergebniswahrscheinlichkeit mit 50 % definiert haben.

Levitt ging von folgender Annahme aus: Wenn der Buchmacher in einem realen Wettmarkt die Spread-Quoten so festlegt, als handelte es sich um 50:50-Wetten, jedoch insgeheim weiß, dass die von den Wettenden bevorzugte Seite in weniger als 50 % der Fälle gewinnt, würde er seinen Gewinn über die von ihm beworbene Gewinnspanne hinaus erhöhen. 

Wenngleich ein solches Verhalten die Übernahme eines Risikos in Bezug auf seine Wettenden beinhaltet, so Levitts Argumentation, befindet sich der Buchmacher in einer glücklichen Situation, da er weiß, dass er die tatsächlichen Ergebniswahrscheinlichkeiten besser einschätzen kann als seine Kunden und er sich vermutlich rationaler verhält als diese.

Das nachstehende Diagramm zeigt, wie die tatsächliche Wettumsatzrendite des Buchmachers variiert, wenn sich der Anteil der Wetten auf Team A sowie die Häufigkeit verändern, mit der Team A gewinnt. Die Wettumsatzrendite des Buchmachers ist als prozentualer Anteil mit einer Dezimalstelle dargestellt.

in-article-points-spread-in-article4.jpg

Es ist klar erkennbar, das bei ausgeglichenen Handlungen oder bei einer Gewinnhäufigkeit für Team A von 50 % der Gewinn der theoretischen Gewinnspanne entspricht. Im Gegensatz hierzu kann der Buchmacher tatsächlich bessere Ergebnisse erzielen, wenn die Wettenden anteilig mehr Wetten auf Team A abschließen, dieses jedoch seltener gewinnt. Gleiches gilt für Team B. Bei dem Diagramm handelt es sich im Wesentlichen um eine gespiegelte Abbildung, die diagonal von oben links nach unten rechts geteilt ist.

Warum besteht eine Point-Spread-Voreingenommenheit in Bezug auf Favoriten?

Widmen wir uns erneut Levitts Erkenntnissen. Insbesondere der Frage, warum Wettende es bevorzugen, auf einen Point-Spread-Favoriten zu setzen, die Seite mit einem negativen Punkte-Handicap. Levitt lieferte niemals eine Erklärung hierfür, andere hingegen schon. Joseph Simmons, Professor an der Warton School der Universität von Pennsylvania, und Leif Nelson, Professor an der Haas School of Business der Universität von Kalifornien in Berkeley, lieferten einen psychologischen Ansatz, woher diese Voreingenommenheit stammt: intuitives Vertrauen.

Es ist zu bedenken, dass Levitts Daten mehr als 20 Jahre alt sind. In der Welt der Online-Sportwetten hat sich seither viel verändert. Heute gibt es mehr Buchmacher, mehr Wettende, mehr Prognosemodelle, mehr Märkte, mehr Geld, mehr von allem.

Ebenso wie Levitt, beobachteten Simmons und Nelson, dass nahezu zwei Drittel der Wettenden in ihren Online-Prognosen während der NFL-Saisons 2003 und 2004 auf den Favoriten setzten, um den Spread abzudecken. Dieser Wert stieg für College Football auf 70 %. Je größer darüber hinaus das von den Wettenden zum Ausdruck gebrachte intuitive Vertrauen in den Sieg eines Teams war, desto größer war auch ihr Vertrauen darin, dass dieses Team ebenfalls den Point Spread abdeckt.

Eine solch intuitive Voreingenommenheit entsteht, wenn die kognitive und komplexere Einschätzung bei der Prognose der Punktedifferenz zwischen den Teams durch die einfachere simple Vorhersage ersetzt wird, welches Team gewinnt. Bei eher gleich starken Teams hingegen war das intuitive Vertrauen in den Sieg eines Teams schwächer ausgeprägt und somit die Voreingenommenheit, ob das eine oder das andere Team den Spread abdeckt, geringer. 

Unglücklicherweise berücksichtigte die Recherche, ebenso wie Levitts Untersuchung, nicht das Einsatzvolumen, sondern lediglich die prozentuale Verteilung der Wettenden. Simmons und Nelson versuchten, dieses Manko zu korrigieren, indem sie die Einschätzungen von 178 Teilnehmern analysierten, die gebeten wurden, das Ergebnis von 226 Sonntagsspielen der NFL-Saison 2007 mit hypothetischen Einsätzen zu prognostizieren.

Die Erkenntnisse blieben unverändert. Verblüffenderweise stellten sie fest, dass auch dann, wenn sie den Teilnehmern mitteilten, dass der Spread zu Ungunsten des Favoriten manipuliert wurde, viele von ihnen weiterhin daran glaubten, dass dieser den Spread abdeckt. 

Wenn ein Buchmacher seinen Ertrag mithilfe einer kleinen, von den Wettenden nicht bemerkten Manipulation des Spread von 2,5 % auf 3,3 % steigern kann, ist dann ebenso eine weitere Steigerung denkbar? 60 % der Point-Spread-Wettenden, die auf einen Favoriten setzen, der 45 % der Begegnungen gewinnt, würden seinen Gewinn auf 4,5 % steigern, und darüber hinaus auf 6,4 %, wenn der Favorit den Spread nur zu 40 % abdeckt.

Die Antwort liefert vermutlich der gesunde Menschenverstand. Letztlich würden die Wettenden es bemerken. Die intuitive Voreingenommenheit kann stark genug sein, die Unterschiede zwischen 48 % und 50 % zu verschleiern, doch selbst eine geringfügige weitere Steigerung der Spread-Manipulation würde vermutlich dazu führen, dass die Verhaltenseinschätzungen der Wettenden sich in einem neuen Gleichgewicht einpendeln würden, in dem weniger von ihnen auf den Favoriten setzen, um den Spread abzudecken.

Im obenstehenden Diagramm ist zu erkennen, dass wenn dieser Anteil unter 50 % fällt, der Buchmacher ein schlechteres Ergebnis als seine theoretische Marge erzielen würde. Realistisch betrachtet, kann er nur so lange Gewinne erwirtschaften, bis die Wettenden es bemerken. Ebenso wie beim Favourite–Longshot Bias existieren in Wettmärkten mit festen Quoten kognitive Voreingenommenheiten, die jedoch nur schwach ausgeprägt und lediglich begrenzt nutzbar sind. 

Implikationen für die Markteffizienz

Levitts Schlussfolgerung, dass Buchmacher nicht lediglich passiv Provisionen erwirtschaften, sondern aktiv Risiken in Bezug auf ihre Kunden eingehen, indem sie Point-Spread-Märkte manipulieren, um ihren Gewinn zu erhöhen, impliziert, dass ihre Quoten nicht effizient sein und den tatsächlichen Ergebniswahrscheinlichkeiten entsprechen können. Im Gegenteil, wie sollte dies möglich sein, wenn Spread-Quoten, die eine Erfolgsquote von 50 % implizieren, lediglich zu 48 % abgedeckt sind?

Wir sollten uns daran erinnern, dass Levitts Daten mehr als 20 Jahre alt sind. In der Welt der Online-Sportwetten hat sich seither viel verändert. Heute gibt es mehr Buchmacher, mehr Wettende, mehr Prognosemodelle, mehr Märkte, mehr Geld, mehr von allem. In auf relativen Fähigkeiten basierenden Märkten wie Sportwetten, sollte ein größerer Wettbewerb üblicherweise auch zu einer Verschiebung hin zu größerer Effizienz und präziseren Quoten führen. Dieser Vorgang wird durch das Paradoxon des Könnens beschrieben. 

Vieles an Levitts Vermutung erscheint sinnvoll, dass Sportwetten nicht wie Finanzmärkte mit Vermittlern funktionieren, die sich entscheiden, selbst an den Vorgängen beteiligt zu sein, um ihre Gewinne zu erhöhen. Doch können aktuellere Datenanalysen diese Hypothese stützen? Im zweiten Teil dieses Artikels versuche ich, dies herauszufinden, indem ich den NBA Point-Spread-Markt untersuche.

Wettressourcen – Für bessere Wetten

Die Wettressourcen von Pinnacle sind eine der umfangreichsten Sammlungen von Expertenratschlägen zum Thema Wetten im Internet. Sie richten sich an alle Erfahrungslevel mit dem Ziel, den Wettenden wertvolles Wissen zu vermitteln.