Sep 6, 2019
Sep 6, 2019

Wie effizient ist der Wettmarkt für Tennis? 

Testen der Effizienz des Tennis-Wettmarktes

Wie man die Erfolgsbilanz eines „kompetenten“ Tippgebers testet

Woher weiß man, wer ein guter Tippgeber ist?

Wie effizient ist der Wettmarkt für Tennis? 

Häufig dient die Schlussquote als Maßstab für die Bewertung der Kompetenz eines Wettenden oder Tippgebers. Wenn jemand speziell im Tennisbereich wettet oder Tipps anbietet, lässt sich seine Kompetenz nur beurteilen, wenn man die Effizienz des Tennis-Wettmarktes kennt. Lesen Sie weiter, um zu erfahren, wie effizient der Tennis-Wettmarkt ist.

Ein erfolgreicher professioneller Tennis-Tippgeber, der auf Twitter unter @nishikoripicks aktiv ist und seinen Service über den Tippgeber-Supermarkt Pyckio vermarktet, weist eine beeindruckende (und statistisch hochgradig signifikante) Gewinnbilanz auf. Aber auch er schlägt nicht die Schlussquote – oder zumindest nicht so deutlich, dass man fest davon ausgehen kann, dass seine Langzeiterwartung auch nach Berücksichtigung der Abonnementkosten für seine Kunden weiterhin gewinnbringend sein wird. 

Nach der Schlussquotenwert-Hypothese heißt das, dass er zum Großteil Glück hatte. Laut @nishikoripicks stimmt diese Hypothese aber wohl nicht ganz. Für diesen Artikel habe ich versucht, herauszufinden, welche Meinung schlüssiger ist. Dazu habe ich die Effizienz des Tennis-Wettmarktes untersucht. 

Statt zu bedeuten, seine Profitabilität sei eher auf Glück als auf Kompetenz zurückzuführen, könnte es auch einfach heißen, dass die von ihm empfohlenen Tennis-Wettquoten von Pinnacle bei Wettschluss ihren „echten“ Wert nicht voll erreichen.

Den Kern der Schlussquotenwert-Hypothese bildet die Annahme, dass die Schlussquote eines Ereignisses die „echte“ Quote oder Eintrittswahrscheinlichkeit eines Ergebnisses repräsentiert, weil sie die meisten bis dato über das Ergebnis bekannten Informationen widerspiegelt. 

In früheren Artikeln habe ich gezeigt, dass zumindest im Fußball die Schlussquote ein sehr genaues Maß für die Ergebniswahrscheinlichkeit ist und sich damit die Gewinnerwartung eines Wettenden vorhersagen lässt. Zudem habe ich gezeigt, dass das Schlagen der Schlussquote dazu dienen kann, Ihre Wettkompetenz zu testen

Das Gegenargument lautet, dass die Schlussquote nicht vollkommen effizient sein kann, zumindest nicht bei einer kleineren Anzahl von Spielen, wenn es Tippgebern wie @nishikoripicks gelingt, über tausende Wetten hinweg eine hohe Profitabilität zu halten. Nun kann man sich vom Gesetz der kleinen Zahlen zwar einfach in die Irre führen lassen und auf der Basis einer kleinen Anzahl von Wetten falsche Generalisierungen vornehmen, wir sollten aber zumindest die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die Performance von @nishikoripicks der Beleg für eine gewisse Vorhersagekompetenz sind. 

Es gibt eine Reihe möglicher Erklärungen dafür, warum ein Schlussmarkt u. U. nicht vollkommen effizient ist. Ich habe versucht, zu modellieren, wie man in der Praxis vorgehen könnte: Ein Markt könnte im Durchschnitt effizient, aber aufgrund heuristischer Verzerrungen, z. B. durch auf Voreingenommenheit basierende Quoten, ineffizient auf der individuellen Quotenebene sein. 

Eine weitere Erklärung könnte sein, dass der Buchmacher seinen Mark bewusst verzerrt, um die Profitabilität auf Kosten von irrationalen (oder unerfahrenen) Wettenden zu erhöhen. Zuvor habe ich erläutert, wie das für einen Point-Spread-Wettmarkt funktionieren könnte.

Jetzt können wir den Tennis-Wettmarkt genauer unter die Lupe nehmen und ihn auf Belege für Effizienz testen. 

Analysieren der Daten

Miguel Figueres von WinnerOdds, der Prognose-Spezialist für Tennis, stellte mir freundlicherweise einen Datensatz mit Pinnacle-Eröffnungs- und Schlusswettquoten für Matches bei ATP-, WTA-, Challenger- und ITF Futures-Turnieren im Zeitraum vom 12. Mai 2015 bis zum 19. Juli 2019 zur Verfügung. Nach dem Herausfiltern von Kantersiegen und Aufgaben im ersten Satz (die von Pinnacle für Wettzwecke ungültig gemacht werden) blieben noch 68.361 Matches und 136.722 einzelne Wettquoten für die Analyse. 

Zunächst habe ich die Schlussquoten auf Belege für Favorit-Außenseiter-Wettmuster getestet – also die systematische und unverhältnismäßige Verringerung höherer Quoten in Relation zu niedrigeren Quoten. Unter Berechnung einer erwarteten oder implizierten Gewinnwahrscheinlichkeit für jeden Spieler (durch Quotenumkehr) habe ich die Daten nach Unterproben mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 % kategorisiert und jede Probe auf Basis der Spielergebnisse mit dem tatsächlichen Gewinn-Prozentsatz verglichen. 

Im nachstehenden Diagramm ist die Analyse grafisch aufbereitet. Die gelbe Linie repräsentiert die perfekte Effizienz, d. h. Spieler mit einer prognostizierten Wahrscheinlichkeit von 10 %/50 %/90 % gewinnen 10 %/50 %/90 % ihrer Spiele. Die blauen Punkte und die Trendkurve zeigen die tatsächlichen Daten. Bei den Quoten eines Buchmachers mit aufgeschlagener Wettmarge müsste die blaue Linie immer unter der gelben liegen. 

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Trotz eines hohen Grades an Quoteneffizienz ist die Divergenz der blauen und der gelben Linie im Trendverlauf der Quoten ein eindeutiges Zeichen für eine Favorit-Außenseiter-Voreingenommenheit – wenn auch relativ schwach angesichts der kleinen Marge, die Pinnacle in der Regel aufschlägt. So enden beispielsweise implizierte Ergebniswahrscheinlichkeiten von 90 % in rund 89 % der Fälle mit Sieg; bei Wahrscheinlichkeiten von 10 % ist das hingegen nur in 6 % der Fälle so. 

Die Voreingenommenheit wird vielleicht im nächsten Diagramm deutlicher. Dort wird die implizierte Ergebniswahrscheinlichkeit mit dem Verhältnis von tatsächlichen zu implizierten Prozentsätzen verglichen. 89 % geteilt durch 90 % ist 0,989, wohingegen 6 % geteilt durch 10 % nur 0,6 ist. 

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Was passiert, wenn man die Marge herausrechnet?

Um die Effizienz von Wettquoten besser analysieren zu können, müssen wir die Marge herausrechnen. Die Präsenz des Favoriten-Außenseiter-Wettmusters impliziert, dass Buchmacher, darunter auch Pinnacle, ihre Marge nicht gleichmäßig über alle Ergebnisse verteilen. Überproportional mehr wird auf höhere Quoten aufgeschlagen. 

Das Favorit-Außenseiter-Wettmuster ist in zahlreichen Sportwettenmärkten etabliert, und durch Herausrechnen der Marge kann ihm gut Rechnung getragen werden. Buchmacher lassen sich bezüglich des Aufschlagens der Marge nicht in die Karten schauen. Ich habe ein wenig spekuliert, welche Methoden sie nutzen könnten. 

Für diese Analyse habe ich die Logarithmusfunktion verwendet, weil sie die größte Deckung (Ertrag = +0,47 %) mit einer Erwartung von plus/minus null (Ertrag = 0 %) beim Wetten auf jeden Spieler bei gleichbleibenden Einsätzen liefert. Nimmt man im Gegensatz dazu an, dass die Marge gleichmäßig über die Quoten verteilt wird, ergibt sich ein Probenertrag von –2,73 % und –7,18 % vor dem Herausrechnen der Marge. 

Eröffnungs- und Schlussquoten im Vergleich

Im Juli 2016 zeigte ich, dass das Verhältnis von Eröffnungsquote (oder irgendeiner Quote vor dem Schließen) zu Schlussquote in den Märkten für Fußballwetten ein hervorragender Prädiktor für die Wett-Performance ist. Nehmen Sie an, eine Quote eröffnete mit 2,1 und schloss mit 2,0. Die Daten legten nahe, dass man beim Wetten mit derartigen Quoten langfristig eine Rendite von rund 105 % erzielt, weil 2,1 geteilt durch 2,0 gleich 1,05 ist. Wenn Ihr Verhältnis von Wettquote zu Schlussquote 0,9 beträgt, erwarten Sie eine Rendite von 90 %. Und bei einem Verhältnis von 1,2 erwarten Sie 120 %. 

Die tatsächlichen Renditen aus den hypothetischen Wetten auf alle Fußballmannschaften in der Analyseprobe korrelierten nahezu perfekt mit der Erwartung. Daraus ergab sich, dass die Schlussquote für diese Fußballspiele hocheffizient war (nach Herausrechnen des Einflusses der Marge). Gilt für Tennis dasselbe? 

Im letzten Diagramm in diesem Artikel wird der erwartete Ertrag mit den tatsächlich erzielten Erträgen verglichen. Für die blauen Punkte und die Trendlinie ergibt sich der erwartete Ertrag aus dem Verhältnis von Eröffnungs- zu Schlussquote nach Herausrechnen der Marge aus den Schlussquoten. Der tatsächliche Ertrag errechnet sich aus den Eröffnungsquoten. 

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Bei perfekter Korrelation zwischen erwartetem und tatsächlichem Ertrag würde sich eine Trendlinie mit Steigung 1 ergeben. Tatsächlich steigt sie schwächer (mit 0,825). Das heißt, dass das Verhältnis von Eröffnungs- zu fairer Schlussquote kein perfekter Prädiktor für die Profitabilität ist und Schlussquoten daher nicht völlig effizient oder präzise sein können. 

Weil die Steigung unter 1 liegt, heißt das auch, dass Eröffnungsquoten nicht vollständig in Richtung Quotengleichgewicht konvergieren. Mit anderen Worten: Quoten, die zu hoch sind, werden beim Schließen nicht klein genug; Quoten, die zu niedrig sind, werden nicht hoch genug. Ich habe versucht, dieses Phänomen durch auf Voreingenommenheit basierende Quoten zu erklären, aber es kann durchaus auch andere Gründe geben – z. B. die eingangs erwähnte Quotenmanipulation durch Buchmacher. 

Diese Erkenntnis deckt sich mit dem Scheitern von  @nishikoripicks, die Schlussquote um den prognostizierten Betrag zu schlagen. Statt jedoch zu bedeuten, seine Profitabilität sei eher auf Glück als auf Kompetenz zurückzuführen, könnte es auch einfach heißen, dass die von ihm empfohlenen Tennis-Wettquoten von Pinnacle bei Wettschluss ihren „echten“ Wert nicht voll erreichen. 

Für die roten Punkte und ihre Trendlinie ergibt sich der erwartete Ertrag aus dem Verhältnis von Schlussquote zu fairer Eröffnungsquote (Marge herausgerechnet). Die tatsächlichen Erträge errechnen sich hingegen aus den Wettschlussquoten. Wenn Schlussquoten perfekt effizient wären, hätte diese Linie eine Steigung von 0, wäre also waagerecht. 

Die Tatsache, dass sie leicht ansteigt (idealerweise sollten die blaue und die rote Linie in Summe 1 ergeben) heißt erneut, dass dies nicht der Fall ist. Außerdem heißt, es, dass es in der Eröffnungsquote noch einige Restinformationen gibt, mit denen sich die tatsächlichen Ergebnisse prognostizieren lassen. 

Ist @nishikoripicks ein kompetenter Tippgeber?

Aus den Daten geht hervor, dass @nishikoripicks die Schlussquote im Durchschnitt um rund 3 % schlägt. Wenn die Schlussquotenwert-Hypothese stimmt, heißt das, dass er nach dem Herausrechnen des Einflusses der Marge von Pinnacle in etwa eine Erwartung von plus/minus null hat. Tatsächlich erzielt er bei 3000 Tipps jedoch einen Ertrag von 9 %. 

Wir wissen jetzt, dass der Tennis-Wettmarkt nicht vollkommen effizient sein kann, zumindest nicht so effizient wie Fußball. Über die Gründe dafür könnten wir spekulieren. Neben den auf Voreingenommenheit basierenden Quoten und Quotenmanipulation kann auch die niedrigere Liquidität des Marktes und – bei dieser Analyse – die Aufnahme von niedriger dotierten Challenger- und Futures-Turnieren eine Rolle spielen, bei denen es viel weniger Informationen über die gegeneinander antretenden Spieler als bei den großen ATP- und WTA-Turnieren gibt. 

Die Präsenz des Favoriten-Außenseiter-Wettmusters impliziert, dass Buchmacher, darunter auch Pinnacle, ihre Marge nicht gleichmäßig über alle Ergebnisse verteilen. Überproportional mehr wird auf höhere Quoten aufgeschlagen.

Ungeachtet der Gründe dafür wäre es eine logische Schlussfolgerung, dass sich die Verwendung von Schlussquoten im Tennis nicht perfekt für die Vorhersage der Performance von Tippgebern oder Wettenden eignet. 

Die Differenz zwischen plus/minus null und 9 % ist trotzdem groß – zu groß, um sich ausschließlich mit der in dieser Analyse beobachteten geringfügigen Abweichung von der Quoteneffizienz erklären zu lassen. Es werden andere Erklärungen benötigt. 

Eine könnte sein, dass Pinnacle schlicht und ergreifend nichts von der Aktivität von @nishikoripicks weiß. Eine weitere könnte sein, dass sowohl er als auch Pinnacle sehr ähnliche Preismodelle haben, die sich die Voreingenommenheit und Ignoranz von einfach strukturierten Wettenden zunutze machen. 

Aus Sicht von Pinnacle ist es profitabler, der Versuchung zu widerstehen, auf „echte“ Schlussquoten umzustellen, solange es genug Dödel gibt, die so ineffizient wetten. Aus Sicht von @nishikoripicks wäre es für Anhänger der Schlussquotenwert-Hypothese trügerisch zu glauben, er hätte einfach nur Glück gehabt. 

Glück können wir beim Wetten nie ganz ausschließen. Je länger @nishikoripicks seine Performance deutlich über den Prognosen nach der Schlussquotenwert-Hypothese hält, desto mehr müssen wir jedoch akzeptieren, dass es an der Zeit ist, den Rückgriff auf die Schlussquote als Prädiktor der „Wahrheit“ in Frage zu stellen – zumindest bei kleineren Sportmärkten wie Tennis. 

Wettressourcen – Für bessere Wetten

Die Wettressourcen von Pinnacle sind eine der umfangreichsten Sammlungen von Expertenratschlägen zum Thema Wetten im Internet. Sie richten sich an alle Erfahrungslevel mit dem Ziel, den Wettenden wertvolles Wissen zu vermitteln.