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Mai 19, 2017
Mai 19, 2017

Teil 1: Warum spielen wir? Irrationalität und übersteigertes Selbstvertrauen

Teil 1: Warum spielen wir? Irrationalität und übersteigertes Selbstvertrauen

Den Anhängern der Theorie der rationalen Entscheidung bereitet die Glücksspielbranche einiges Kopfzerbrechen. Die Theorie besagt, dass Menschen immer rationale Entscheidungen treffen, um ihren Vorteil zu maximieren und gleichzeitig ihren Verlust zu minimieren. Sie würden keine 1.000 € für einen Urlaub bezahlen, der Ihrer Meinung nach nur 500 € wert ist. Warum platzieren Wettende Einsätze zu einem erwarteten Wert von null oder weniger? Lesen Sie weiter, um mehr zu erfahren.

Die Psychologie des Wettens ist zweifelsfrei ein komplexes Feld, grundsätzlich stellt sich jedoch eine einfache Frage: Warum haben Spieler, obwohl sie unter dem Strich Geld verlieren, weiterhin das Bedürfnis zu spielen? In diesem Artikel untersuchen wir das mangelnde Verständnis bezüglich des Erwartungswerts sowie den Grund dafür, dass mathematische Erwartung und Nutzen (oder Erwünschtheit) nicht notwendigerweise dieselbe Bedeutung haben.

Ist Glücksspiel irrational?

Bei den meisten Glücksspieltypen, einschließlich Casino-Spielen und Lotterien, ist der Erwartungswert negativ. Für die Mehrzahl der Sportwetten, bei denen Ergebniswahrscheinlichkeiten prinzipiell nicht mathematisch berechnet werden können, scheint der Erwartungswert ähnlich unprofitabel.

Wenn die Kosten für das Spielen berücksichtigt werden – der Bankvorteil, der Poker-Hausanteil, die Buchmacher-Marge usw. –, verliert der durchschnittliche Spieler im Lauf eines Spielzeitraums. Kurzfristig sind Gewinne möglich, langfristig unterliegen aber selbst die glücklichsten Spieler dem Gesetz der großen Zahlen.

Unsere Unfähigkeit, Wahrscheinlichkeiten korrekt einzuschätzen ist nur eine von vielen kognitiven Voreingenommenheiten, unter denen wir leiden und die uns dazu führen, den Pfad rationaler Entscheidungen zu verlassen.

Ausgehend hiervon könnte man argumentieren, dass das Spielen eine irrationale Verhaltensweise ist. Darüber hinaus gibt es umfangreiche Beweise dafür, dass Spieler die Wahrscheinlichkeiten nicht verstehen, die den von ihnen getroffenen Entscheidungen zugrundeliegen.

Ein konkretes Beispiel hierfür sind die Wahrscheinlichkeits- und Sicherheitseffekte, bei denen Entscheidungsträger die Wahrscheinlichkeit eines unwahrscheinlichen Ereignisses über- und jene eines nahezu sicheren Ereignisses unterbewerten. Bei Wetten manifestiert sich dies als Voreingenommenheit bezüglich Favorit bzw. Außenseiter, bei der dem Außenseiter im Vergleich mit dem Favoriten ein relativ geringer Erwartungswert zugewiesen wird.

Unsere Unfähigkeit, Wahrscheinlichkeiten korrekt einzuschätzen, ist nur eine von vielen kognitiven Voreingenommenheiten, unter denen wir leiden und die uns dazu führen, den Pfad rationaler Entscheidungen zu verlassen. Beim Glücksspiel ist dies der Nährboden für eine noch mächtigere Voreingenommenheit: übersteigertes Selbstvertrauen. 

Übersteigertes Selbstvertrauen

Übersteigertes Selbstvertrauen oder illusorische Überlegenheit ist eine kognitive Voreingenommenheit, bei der Personen ihre eigenen Fähigkeiten im Vergleich mit anderen überbewerten. Angesichts des wettbewerbsorientierten Umfelds beim Glücksspiel und insbesondere bei Sportwetten, bei denen die Vorhersagefähigkeiten von Einzelpersonen miteinander in Konkurrenz stehen, ist mit allgegenwärtigem übersteigertem Selbstvertrauen zu rechnen.

Dies wird gelegentlich als Lake-Wobegon-Effekt (benannt nach einer fiktiven Stadt in Minnesota) oder als Überdurchschnitts-Effekt bezeichnet und beschreibt die natürliche Tendenz des Menschen, seine Fähigkeiten zu überschätzen. In Lake Wobegon sind alle Frauen stark, alle Männer sehen gut aus und alle Kinder sind überdurchschnittlich. Der Lake-Wobegon-Effekt, bei dem die Mehrheit einer Gruppe behauptet, überdurchschnittlich zu sein, wurde bei der Einschätzung vieler Bereiche beobachtet, darunter Beliebtheit unter Mitmenschen, Intelligenz oder fahrerisches Können.

Quoten sind lediglich eine öffentliche Reflexion sämtlicher privater Meinungen bezüglich der Wahrscheinlichkeit eines Ergebnisses, ausgedrückt in Geld.

Ich konnte den Lake-Wobegon-Effekt definitiv im Bereich der Sport-Tippgeber beobachten. Im Jahr 1976/77 bezeichneten 60 % der 829.000 an einer Umfrage unter US-College-Studenten teilnehmenden Personen ihre eigene sportliche Leistung als überdurchschnittlich. Nur 6 % stuften sich als unterdurchschnittlich ein. Bei der Einschätzung der Führungsqualitäten gingen diese Zahlen sogar noch weiter auseinander (70 % bzw. 2 %). Bezüglich der Fähigkeit, gut mit anderen auszukommen, stufte sich keine einzige Person als unterdurchschnittlich ein!

Wenn es einen Verkäufer gibt, wer ist dann der Käufer?

In seinem Bestseller Schnelles Denken, langsames Denken erzählt der Kognitionspsychologe Daniel Kahneman die Geschichte eines Aufeinandertreffens mit einem Investment-Manager bei einer Wall-Street-Firma und insbesondere eine Frage, die er ihm stellte. „Wenn Sie Aktien verkaufen, wer kauft diese Aktien dann?“ Oder, allgemeiner gefragt, was lässt eine Person kaufen und eine andere verkaufen? Was glauben die Verkäufer zu wissen, das die Käufer nicht wissen?

Offensichtlich muss eine der beiden Seiten falsch liegen oder zumindest falscher als die andere. Die Alternative wäre, dass jede Transaktion zum „echten“ Preis erfolgt und niemand jemals einen Profit macht. Das wäre nun wirklich irrational. Angesichts der Tatsache, dass beide Seiten mit der Transaktion glücklich sind, muss das beidseitige übersteigerte Selbstvertrauen bezüglich der eigenen Fähigkeiten, einen Aktienkurs richtig zu bewerten, der Grund für ihre Entscheidung sein.

Das Wissen darüber, welche Gebühren ein Buchmacher erhebt oder warum wir wetten, muss das Vergnügen des Wettens nicht schmälern. Es bringt uns lediglich auf den richtigen Weg hin zum Erwartungswert.

Dasselbe gilt auch für das Wetten. Im Großen und Ganzen spiegeln die Quoten für ein Ergebnis in etwa die Wahrscheinlichkeit seines Eintretens wider. Schließlich wird niemand 1,05 (oder 1/20) darauf setzen, dass Sutton United den FC Arsenal schlägt, egal was er von Arsène Wenger hält. Die Quoten sind lediglich eine öffentliche Reflexion sämtlicher privater Meinungen bezüglich der Wahrscheinlichkeit eines Ergebnisses, ausgedrückt in Geld.

Die abschließende Quote stellt einen impliziten Prozess des Handelns und den daraus entstehenden Kompromiss dar. Sowohl der Backer (Käufer) als auch der Layer (Verkäufer) haben intuitiv einen Wert im Hinterkopf, der für sie eine angemessene Quote darstellt. Übersteigertes Selbstvertrauen führt dann dazu, dass beide Seiten glauben, sich zum Nachteil des anderen einen positiven Erwartungswert gesichert zu haben, was natürlich aus logischer Sicht unmöglich ist.

Ohne dieses übersteigerte Selbstvertrauen fände keine Wette statt, da beide Seiten rational ihre eigenen Interessen verfolgen und durch die Erwartung eines Gewinns motiviert werden. Diese Erwartung basiert auf Informationen, die mutmaßlich besser sind als die des Gegners und dazu beitragen sollen, dass das gesetzte Geld nicht verloren ist.

Und was ist mit jenen, die das Ganze von außen betrachten?

Zwar liefern Irrationalität, übersteigertes Selbstvertrauen und andere verhaltensgesteuerte Voreingenommenheiten Erklärungen dafür, warum wir wetten. Dies bedeutet jedoch nicht, dass dadurch auch die Art des Wettens gesteuert wird. Mit einem Verständnis dieser verhaltensgesteuerten Voreingenommenheiten und dem Einfluss, die sie in gewissen Maße auf jeden einzelnen haben, können Wettende einen Blick von außen auf die Situation werfen. 

Das Wissen darüber, wie verhaltensgesteuerte Voreingenommenheiten unsere Wettentscheidungen beeinflussen, und die Fähigkeit, Wettmargen zu berechnen, müssen das Vergnügen des Wettens nicht schmälern. Sie bringen Sie lediglich auf den richtigen Weg hin zum Erwartungswert und einer fundierteren Herangehensweise an das Wetten.

Dieser Artikel führt also zu der logischen Frage: Wodurch entsteht dieses übersteigerte Selbstvertrauen im Zusammenhang mit Wetten? Was bewegt Wettende zu der sicheren Annahme, dass sie Recht haben? Die Antwort findet sich in Teil 2 dieses Artikels, in dem wir die Illusion von Zusammenhängen und anderen Faktoren beleuchten wollen, die erklären, warum wir wetten.

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