Aug 1, 2019
Aug 1, 2019

Hungrig auf eine Wette: Hilft Hunger beim Überwinden von Unsicherheit?

Hungrig auf eine Wette: Hilft Hunger beim Überwinden von Unsicherheit?

Was besagt die Hypothese der somatischen Marker? Beeinflussen Emotionen unsere Entscheidungen? Hilft Hunger bei Unsicherheit? Jonathan Brycki untersucht die Wechselwirkungen von menschlicher Psychologie und Physiologie auf unsere Entscheidungsfindung.

Beim Glücksspiel geht es im Grunde darum, wertebasierte Entscheidungen für Situationen mit ungewissem Ausgang zu treffen. Entscheidend dabei ist, die Risiken zu verstehen und zu berücksichtigen, um daraus abzuleiten, ob die potenzielle Verteilung der Ergebnisse eine Wette wert ist.

Warum sind einige Menschen besser darin, Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen, als andere? Im Kontext von Wetten sind Entscheidungen häufig außerordentlich komplex. Vorteil haben daher vor allem jene, die über besondere Fähigkeiten in Arithmetik und Wahrscheinlichkeitsrechnung, über ein gutes Gedächtnis und in einigen Fällen auch über spezielle Kenntnisse auf dem jeweiligen Gebiet verfügen. Auf die eine oder andere Weise sind diese Faktoren kognitive Fähigkeiten, die man sich aneignen (lernen) kann. Aber was ist mit solchen Faktoren, die nichts mit Lernen zu tun haben?

Die Illusion von Kontrolle

Während die Illusion von Kontrolle den Glauben schürt, dass wir Menschen fast alles unter Kontrolle haben, führt dieser Trugschluss wiederum dazu, dass wir häufig die inhärente Zufälligkeit und jene Faktoren übersehen, von denen wir glauben, dass wir keinen direkten Einfluss auf sie haben.

Untersuchungen zu zahlreichen dieser Faktoren, die im Allgemeinen außerhalb unseres Bewusstseins wirken, aber dennoch möglicherweise Einfluss auf unsere Fähigkeiten zur komplexen Entscheidungsfindung haben, brachten interessante Erkenntnisse zu Tage.

Für diesen Artikel habe ich einen etwas anderen Weg als in meinen vorherigen Artikeln gewählt: Ich untersuche die Schnittstelle zwischen menschlicher Psychologie und Physiologie und der Entscheidungsfindung. Ich werde dabei weder Wetten noch Sport erwähnen, aber ich denke, dass einige der in diesem Bereich durchgeführten Untersuchungen interessant und durchaus auf Sportwetten übertragbar sind.

Die Hypothese der somatischen Marker

Der präfrontale Cortex im Frontallappen unseres Gehirns ist neben anderen Dingen auch mit der komplexen Entscheidungsfindung beauftragt. In einer Studie konnte gezeigt werden, dass Personen mit einer Schädigung des präfrontalen Cortex ernste Beeinträchtigungen bei der Entscheidungsfindung haben, wie ihre schwachen Ergebnisse bei der Iowa-Glücksspiel-Aufgabe bewiesen. Dieses Defizit bei der Entscheidungsfindung wurde trotz normaler sonstiger intellektueller Fähigkeiten beobachtet.

Die Iowa-Glücksspiel-Aufgabe ist ein einfaches Spiel, das die Teilnehmer nach ihrer Entscheidungsfindung unter hoher Unsicherheit bewertet. Wenn Sie es selbst ausprobieren möchten, können Sie den Test online durchführen. Überspringen Sie den nächsten Abschnitt, wenn Sie den Test später ausprobieren möchten.

Bei der Iowa-Glücksspiel-Aufgabe liegen vor dem Teilnehmer vier umgedrehte Kartenstapel. Die Aufgabe für den Teilnehmer besteht darin zu entscheiden, von welchem Stapel die oberste Karte umgedreht werden soll. Für jede umgedrehte Karte wird der Teilnehmer entweder belohnt, indem er Geld gewinnt, oder bestraft, indem ihm Geld von seinem Startguthaben von 2.000 $ abgezogen wird.

Ziel ist es, so viel Geld wie möglich zu erhalten oder möglichst wenig zu verlieren. Der Spieler weiß dabei nicht, dass bei zwei Stapeln die Gewinne zwar höher sind, aber die Verluste am Ende noch höher. Umgedreht sind bei den anderen beiden Stapeln die Gewinne zwar geringer, aber insgesamt höher als die Verluste.

In dem oben erwähnten Beitrag fanden die Forscher heraus, dass Menschen mit einer Schädigung im präfrontalen Cortex unsensibel gegenüber späteren Konsequenzen sind, egal ob positiv oder negativ, und im Endeffekt unsensibel hinsichtlich der Zukunft. Stattdessen werden sie primär von kurzfristigen Aussichten geleitet und verfügen nicht über die Fähigkeit, bei der Entscheidungsfindung unter Unsicherheit aus Fehlern zu lernen. In einer weiteren Studie wurde festgestellt, dass bei Menschen mit geschädigtem präfrontalem Cortex das Urteilsvermögen auch bei gewisser Sicherheit eingeschränkt ist.

Man braucht wohl nicht darauf hinzuweisen, dass diese Effekte beim Wetten unerwünscht sind – ganz egal, worauf gewettet wird. Auch bei psychopathischen Persönlichkeiten und Drogenabhängigen (einschließlich Kokain und Alkohol) konnten ähnliche Defizite bei der Entscheidungsfindung wie bei Menschen mit geschädigtem präfrontalem Cortex nachgewiesen werden. Es leuchtet daher ein, dass die spezifische Wirkungsweise und Funktion dieses Bereiches unseres Gehirns signifikanten Einfluss auf die Ergebnisse beim Glücksspiel haben könnte.

Der präfrontale Cortex ist außerdem mit dem Ausdrücken und Erfahren von Emotionen verknüpft. Aus der Erkenntnis des Zusammenhangs zwischen der Schädigung des präfrontalen Cortex und der Unfähigkeit der betroffenen Patienten, Emotionen auszudrücken, hat der Neurowissenschaftler Antonio Damasio die Hypothese der somatischen Marker abgeleitet

Somatische Marker sind physikalische Reaktionen des Körpers, die das Gehirn warnen, sich an eine vergangene Situation und die entsprechende Auswirkung zu erinnern. Ein Beispiel für eine solche physikalische Reaktion ist eine Erhöhung der elektrischen Leitfähigkeit der menschlichen Haut als Reaktion auf bestimmte Stimuli wie Glücksspiel.

Im Verlauf der Zeit werden somatische Marker wie dieser mit den Auswirkungen vergangener Situationen verknüpft, und im Gegenzug werden künftige Entscheidungen über die Erfahrung der erinnerten Emotion beeinflusst, insbesondere wenn die kognitive Verarbeitung überlastet ist.

Die Hypothese der somatischen Marker muss von der reinen Risikobereitschaft unterschieden werden. Bei Menschen mit hoher Risikobereitschaft ohne geschädigtem Frontallappen lösen Entscheidungen unter Unsicherheit eine antizipative Hautleitfähigkeitsreaktion aus, bei Menschen mit Schädigung gibt es diese Reaktion nicht. Daraus könnte man ableiten, dass – anders als gedacht – Risikobereitschaft und Entscheidungsfindung nicht notwendigerweise voneinander abhängen.

Oder anders ausgedrückt, die Fähigkeit, unter Unsicherheit vernünftige Entscheidungen zu treffen, korreliert möglicherweise nicht mit der Vermeidung von Risiken. Ein guter Spieler ist möglicherweise besonders gut darin, sich über emotionale Reaktionen bei hoher Unsicherheit hinwegzusetzen anstatt auf intensivere kognitive Prozesse zurückzugreifen. Die Hypothese der somatischen Marker geht davon aus, dass Individuen Urteile nicht nur durch Abschätzen der Schwere der Auswirkungen und deren Wahrscheinlichkeit des Eintreffens fällen, sondern auch hinsichtlich der unterbewussten emotionalen Reaktionen.

Der Einfluss von Emotionen auf Entscheidungen

Was ist die Schlussfolgerung? Beeinflusst der aktuelle emotionale Zustand die Entscheidungsfindung? Die Antwort lautet: Ja. Die Frage ist nun aber, ob Emotionen die Entscheidungsfindung behindern oder eher fördern. Zu den Belegen dafür, dass Emotionen hinderlich bei der Entscheidungsfindung sind, zählt der Stimmungskongruenzeffekt, der erklärt, dass Menschen dazu tendieren, solche Erinnerungen abzurufen (und auf Grundlage dieser Erinnerungen verzerrte Entscheidungen zu treffen), die mit dem aktuellen Gemütszustand verbunden sind.

Umgekehrt wird davon ausgegangen, dass Gefühle bei der Entscheidungsfindung helfen, indem sie die Aufmerksamkeit und die Gedächtnisleistung stimulieren. Andere Untersuchungen haben gezeigt, dass intensive Entscheidungsprozesse positive wie negative affektive Zustände hervorrufen.

Zahlreiche weitere Studien, die die Auswirkung von Emotionen auf Entscheidungen untersuchen, zeigen auf, dass es weniger darum geht, welche Gefühle Sie erleben, als vielmehr, wie Sie mit diesen Gefühlen umgehen. Wenn Sie Emotionen aufmerksam wahrnehmen und sie den korrekten Ursachen zuordnen, ist die Gefahr von verzerrten Entscheidungen möglicherweise geringer. Eine spezielle Studie konnte aufzeigen, dass Investoren, die Gefühle intensiver wahrnahmen, auch bessere Entscheidungen trafen.

Hilft Hunger bei einer Wette?

Eine kürzlich veröffentlichte Untersuchung konnte einen weiteren Beleg dafür liefern, dass sogenannte „Hot States“ (wie Emotion oder Hunger) bei komplexen Entscheidungen mit unsicheren Auswirkungen helfen können. In dieser Studie wurde der Effekt von Hunger auf die Leistung der Probanden bei der Iowa-Glücksspiel-Aufgabe getestet. Hungrige Teilnehmer lieferten bessere Ergebnisse als die gesättigte Kontrollgruppe.

Die Forscher vermuteten, dass Menschen in einem „Hot State“ wie Hunger besser in der Lage sind, Risiken und Nutzen abzuwägen – eine notwendige Fähigkeit, um komplexe Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen. Auf ähnliche Weise wie bei den obigen Beispielen führten die Untersuchungen in dieser Studie zu der Schlussfolgerung, dass eine größere Abhängigkeit von Emotionen beim Lenken von Entscheidungen unter dem Gefühl von Hunger besteht.

Wie Sie langsam schon vermuten, gibt es potenziell unendlich viele Faktoren, die Einfluss auf unsere Entscheidungen haben. Eine weitere Forschungslinie hat herausgefunden, dass Individuen mit einem höheren Body Mass Index (BMI), einem höheren Körperfettanteil und/oder einem höheren Leptin- und Insulinspiegel schlechtere Leistungen bei der Iowa-Glücksspiel-Aufgabe erzielten. Wer hätte gedacht, dass bei komplexen Entscheidungsprozessen auch der Körperbau eine Rolle spielt?

Gute Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen, hängt von einer Fülle von Faktoren ab. Einige von ihnen kennen wir mit Sicherheit, speziell jene, die kognitiver Art sind. Beispiele sind ein gutes Gedächtnis, Denken in Wahrscheinlichkeiten und ein hohes Risikobewusstsein.

Andere Faktoren jedoch, die wir weniger gut kennen, übersehen wir auch leicht, oder uns ist überhaupt nicht bewusst, welchen Einfluss sie auf unsere Entscheidungen haben. Zu diesen Faktoren zählen Funktionen des präfrontalen Cortex, unser emotionaler Zustand, Hunger und Körperbau. Von diesen Faktoren gibt es wahrscheinlich noch weit mehr. Fest steht aber: Jedes Mal, wenn Sie eine komplexe Entscheidung unter Unsicherheit (zum Beispiel beim Glücksspiel) treffen, sind Sie zahllosen, häufig unbewussten Prozessen ausgesetzt, die Ihre Fähigkeit zum optimalen Agieren beeinflussen.

Wenn Sie sich aber bewusst sind, dass wahrscheinlich auch Sie von den in diesem Artikel beschriebenen Faktoren beeinflusst werden, können Sie sich mögliche Ergebnisverzerrungen besser erklären, anstatt sie auf intensivere kognitive Prozesse zu schieben, die sich mit der Zeit verbessern lassen.

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